Ein Biedermeierkleid um 1839 

Für verschiedenen Anlässe, die 2014 anstehen, soll ein Biedermeierkleid aus der Zeit um 1838 entstehen. Vorlage bildet dabei dieses Original.

 

Als erstes entstehen wieder die Unterbauten. Dazu zählen Chemise, Unterhosen, Korsett, Schnurunterrock und Unterröcke.   

 

Die Chemise

 

Für die Unterbauten verwenden wir das Schnittmuster von Laughing Moon LM 100. Dieses enthält Chemise, Unterhosen und zwei Korsettvarianten.  

 

Die Chemise fertigen wir aus einer leichten Baumwolle. Dazu werden zuerst die Teile zugeschnitten. Wir haben auch die hintere Passe gedoppelt, obwohl das im Schnitt nicht so angegeben ist. 

 

 

Zuschnitt Chemise
Zuschnitt Chemise

 

Danach werden die Passen rechts auf rechts an die Hemdteile genäht.  

 

Passen annähen
Passen annähen

 

Dann schließen wir die Seitennähte mittels Kappnaht. Für die Schulternähte reicht eine einfache Naht, da ja gedoppelt wird. 

 

Seiten- und Schulternähe schließen
Seiten- und Schulternähe schließen

 

Danach werden die beiden zusätzlichen Passenteile an den Schulternähten geschlossen und von innen aufgesetzt. Zur Verzierung haben wir noch Biesen und Spitze eingearbeitet.  

 

die Chemise
Die fertige Chemise

 

Die Unterhosen - die "Unaussprechlichen"   

Die sogenannten "Unaussprechlichen" haben gegenüber modernen Unterhosen eine Besonderheit. Sie sind nicht geschlossen, sondern bleiben unten offen. Es handelt sich gewissermaßen um zwei Hosenbeine, die nur der Bund verbindet. Warum diese Form gewählt wurde, lässt sich leicht erklären, wenn man versucht in gewissen Situationen den Slip unterm Korsett vorzuziehen und wieder hineinzustopfen - mit bis zu 7 Unterröcken versteht sich. Das Schnittmuster ist denkbar einfach:

 

Schnittteil Unterhose
Schnittteil Unterhose

 

Die Hosenbeine werden einzeln vernäht - wiederrum mit Kappnähten.  

 

Hosenbein
Hosenbein

 

Dann wird der Bund angesetzt, ober umgeschlagen und an der Rückseite vernäht, damit alles versäubert ist. 

Oben wird ein Baumwollband zum Schließen eingezogen. 

 

Bund ansetzen
Bund ansetzen

 

 

Zu Verzierung haben wir auch hier Spitze und Biesen eingearbeitet. 

 

Die Unaussprechlichen
Die Unaussprechlichen

 

Das Korsett

 

Bei unserem Korsett handelt es sich um eine für´s Biedermeier eher späte Variante, da wir aber ein Kleid der späten 1830er nähen, bringt dieses die richtige Form.  

 

Das Schnittmuster enthält 2 Varianten. Für etwas größere Oberweite empfehlen wir, das Silverado zu nehmen. Es gibt einen sehr guten Halt und sitzt wunderbar bequem.

 

Wir arbeiten mit 2 Lagen Köper als Innenleben, einer Lage Baumwolle als Futter und einer Lage Seide als Oberstoff. Wichtig beim Korsettbau ist das sehr genaue Arbeiten. Die Schnittteile müssen zum Schluss identisch sein, sonst passt es nicht übereinander. Lediglich der Oberstoff kann ein ganz klein wenig weiter gemacht werden, damit er später beim Schnüren keine Falten wirft.  

 

Zuerst werden alle Teile doppelt jeweils aus Futterstoff und Köper zugeschnitten. Dann werden die Markierungen und Nahtzugaben auf den Köper übertragen.

 

Zuschnitt Korsett
Zuschnitt Korsett

 

Beim Vernähen haben wir jeweils die beiden Lagen Futter und Köper gleichzeitig verarbeitet. 

 

Vernähen der Teile
Vernähen der Teile

 

Im Vorderteil die Keile einarbeiten.

 

 

So sieht dann die eine Hälfte verarbeitet aus. 

 

Korsetthälfte aus Köper und Futter
Korsetthälfte aus Köper und Futter

 

Nun wird die zweite Seite genauso vernäht und alles gut ausgebügelt.   

 

 

Der nächste Schritt ist das Einsetzen der Schließe, dazu werden die beiden Teile zuerst aufgelegt - die längere glatte Seite kommt dabei nach unten -  um zu prüfen, auf welche Seite was soll.

 

 

Danach werden das Stoff- und das Futterteil vernäht, dabei sollen Öffnungen zum Durchschieben der Schließe bleiben. Diese müssen vorher markiert werden.  

 



Wenn die Seite geschlossen ist, wird ausgebügelt und die Schließe durch die Öffnungen geschoben. Mittels Stecknadeln arretieren. 

 

 

Danach werden auf der anderen Seite die Löcher für die andere Seite der Schließe markiert und mit einer Ahle durchgestochen.  

 

 

Dann wird auch diese Seite eingesetzt.

 

 

Nun werden die Futterteile mit den Stoffteilen verbunden, indem alle Nähte nachgesteppt werden. Dabei wird im Taillenbereich ein festes Band mit eingefasst, das dem Korsett Stabilität geben soll. Dieses einfach auf das Futterteil legen, das Oberstoffteil auflegen und mit Nadeln feststecken. Dabei sollten alle Nähte passgleich aufeinander liegen. Danach wird jeweils rechts und links jeder Naht - außer denen über der Brust - ein Kanal für den Stahl abgesteppt. 

 

 

 

Wir verwenden für`s Korsett Spiralfederstahl. In diesem Fall fertig geschnittene und mit Endkappen versehenen Stäbe, die man in verschiedenen Längen bestellen kann.   

 

 

Der obere Rand wird nun mit einem Schrägband eingefasst. Auf der Rückseite werden die Schnürösen eingearbeitet. Wir haben uns für handgestochene Ösen entschieden. Dabei im Taillenbereich zwei eng beieinander liegende arbeiten. 

 

 

Danach wird das Band eingezogen und das Korsett probiert. Es sollte dabei unten noch offen sein, um evtl. Korrekturen an den Stäben vornehmen zu können.  Nach erfolgte Anprobe wird nun auch der untere Rand mti Schrägband eingefasst und die sogenannten Flossings (aufgestickte Kreuze) angebracht. Diese sollen den Stahl am Verdrehen hindern.

 

Dann kann dekoriert werden. 

 

Frontansicht Korsett
Rückansicht Korsett

 

Der Schnurunterrock

 

Im Biedermeier gab es noch keine Stahlunterbauten. Diese kamen erst gegen Ende der Vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts auf, also im 2. Rokoko. Da aber auch vorher schon die Weite der Röcke immer mehr zunahm, half man sich mit anderen Mitteln aus. So entstand der Schnurunterrock, der statt mit Stahl mit Kordeln verstärkt wurde. Je später das Biedermeier umso weiter werden die Röcke. Für unser Kleid haben wir uns für den Schnurunterrock für 2,20 m Saumweite entschieden. Wenn Sie ein Kleid der 20er nähen wollen, sollten sie weniger nehmen, bzw. nur einen normalen Unterrock oder auch zwei darunterziehen. Für ein Kleid der 40er darf es auch ein bisschen mehr sein.  

 

Es gibt verschiedene Vorgehensweisen, um einen Schnurunterrock herzustellen, wir haben uns für die unserer Meinung nach am wenigsten aufwändige entschieden.  

 

Dazu haben von einer ca. 1,60 m breiten Baumwollbahn ein 2,25 m breites Stück abgeschnitten. Dieses haben wir dann auf der gesamten Länge gefaltet, sodass die lange Seite die gewünschte spätere Rocklänge hat. Dabei sollte der Rock ca. 15-20 cm über dem Boden enden. Im Biedermeier trägt man keine Absätze, also mit flachen Schuhen planen. 

 

Nun werden auf die kurze Seite - später links - die Linien für die Kanäle aufgezeichnet. Wir haben jeweils 2 1,5 cm Kanäle im Abstand von ja 2 cm aufgezeichnet. Insgesamt sind es 12 Kanäle. Für eine größere Saumweite werden mehr gebraucht, um die nötige Festigkeit zu erzielen. 

 

 

Wenn alles aufgezeichnet ist, werden die Kanäle abgesteppt, Dabei am den äußeren Rändern jeweils 2 cm freilassen.  

 

 

Nach Absteppen aller Kanäle wird nun die hintere Naht geschlossen, dabei aber nur die lange äußere Stoffbahn schließen, die innere nach innen klappen, da ja sonst die Kanäle verschlossen werden.

 

 

Danach erfolgt das Einziehen der Kordel. Wir haben 3 mm Baumwollkordel verwendet. Die Enden jeweils vernähen, damit sie nicht verrutschen. 

 

 

Wenn alle Kordeln eingezogen sind, kann die innere Stoffbahn auch geschlossen werden. Dazu übereinanderklappen und absteppen. Als Letztes kommt der Bund dran, durch den ein Band gezogen wird, mit dem der Unterrock geschlossen werden kann.  

 

Unterbauten Biedermeier
Unterbauten Biedermeier

 

Unterrock und Pokissen 

 

Über den Schnurunterrock kommt nun noch ein weiterer Unterrock. Dazu haben wir eine gerade Bahn von 70 x 280 cm zugeschnitten. Diese wird mittels Kappnaht hinten geschlossen. Dabei natürlich oben ca. 15 cm offenlassen. Nun wird eine Rüsche unten angesetzt. Diese ist 560 cm cm lang und 35 cm hoch. Zur Verzierung haben wir noch Spitze aufgesetzt. Auch hier wird ein Bund angesetzt, durch den ein Wäscheband gezogen wird, damit er geschlossen werden kann.   

 

 

 

Zum Schluss kommt das Pokissen. Dieses wird aus einer Muschelform zugeschnitten, mit Füllmaterial ausgestopft und dann oben mittels Band geschlossen. Wir haben noch 3 Linien abgesteppt, damit die Füllung nich verrutschen kann.

 

Pokissen
Pokissen

Das Kleid 

 

Nachdem die Unterbauten fertiggestellt sind, kann nun mit dem Kleid begonnen werden. Dazu verwenden wir ein Schnittmuster von Truly Victorian. TV 455 - wobei wir allerdings, wie so oft, leichte Änderungen vornehmen. So sind die Ärmel ganz anders als auf der von uns gewählten Vorlage. Auch die nach unten gezogene Front des Originals ist im Schnitt noch nicht enthalten, da es sich bei TV 455 um ein früheres Kleid handelt.  

 

Das Oberteil wird dreilagig gefertigt. Als Futter verwenden wir Bomull von Ikea - eine mittelschwere Baumwolle. Die Einlage besteht aus einer festeren Baumwolle und der Oberstoff aus einer mercerisierten eher leichten Baumwolle. 

 

Wie immer haben wir zuerst ein Probeteil erstellt, um den Schnitt unseren Maßen und Wünschen anzupassen. Nachdem dieses passt werden nun alle Teile doppelt aus jedem Stoff zugeschnitten und vernäht.

 

Zuschnitt des Oberteils
Zuschnitt des Oberteils
Futteroberteil
Futteroberteil

 

Dabei werden in der Einlage die Abnäher nicht genäht, sondern ausgeschnitten, damit keine Stoffwulst an dieser Stelle entsteht. Die Einlage und das Futter werden entweder als eine Lage vernäht oder nach dem Nähen an den Mittel- und Seitennähten verbunden. Danach werden in rechts und links der Mitte sowie an den Innenseiten der Abnäher Kanäle für die Versteifung abgesteppt. Die Abnäher des Futterteils werden auf die Einlage geklappt und mit Zickzackstich arretiert.

 

 

 

 

Dann wird alles gut ausgebügelt.   

 

Der Rock wird lt. Schnittmuster in 3 Bahnen jeweils aus Stoff und Futter zugeschnitten. Wir haben die in der Mitte etwas tiefer gezogene Variante gewählt, da ja das Oberteil auch eine Spitze vorn hat.  Die Teile werden mit Kappnähten vernäht. Dann werden sie oben angeriehen. Dabei Stoff und Futter (links auf links) gleichzeitig verarbeiten.

 

 

Danach wird der Rock an das Stoffoberteil rechts auf rechts angenäht. Achten Sie dabei darauf, dass Mitte auf Mitte zu liegen kommt. 

 

 

Nun wird das Schnittmuster für die Ärmel erstellt. Die Ärmel auf der Originalvorlage sind im Schulterbereich nicht angeriehen. Das Originalschnittmuster können wir somit nicht verwenden. Wir haben  zuerst die Teile für die Futterärmel zugeschnitten, die nur bis zum Ellenbogen gehen sollen. Auf diese Weise kann gleich die Weite ausprobiert werden.   

 

Zuerst wird der obere Teil des Ärmels zugeschnitten. Dazu legen wir das Schnittmuster diagonal zum Fadenlauf. 

 

 

Danach wird das Schnittmuster an der Schulterlinie auseinangenommen und die Einzelteile jeweils 2 mal mit 1cm Nahtzugabe und einmal ohne Nahtzugabe zugeschnitten. Unten werden dabei 2 bzw. 3,5 cm umgeschlagen, da die darüberliegenden Teile ja kürzer sind.  

 



Nun werden die halben Teile unten und an den Seiten versäubert und ausgebügelt. Dann werden sie auf den Stoff gelegt und probeweise aufgeheftet. 

 

 

Als Nächstes werden die beiden Blüten gefertigt. Dazu haben wir je Ärmel zwei 33 x 6 cm große Streifen diagonal zugeschnitten und zu einem Ring vernäht.

 

 

Die Ringe werden in der Mitte gefaltet und unten auf einen Faden geriehen.  

 

 

Zum Schluss alles zusammenziehen und den Knopf aufsetzen. Da wir die Herstellung solcher Knöpfe bereits im Bereich Accessoires beschrieben haben, verzichten wir hier auf eine Wiederholung.  

 

Die Blüten werden nun auf den Ärmel genäht.  

 

 

Dann wird dieser an der hinteren Seite geschlossen. Zum Schluss kommt die dritte Lage darüber. Diese wird aus einem Stück zugeschnitten, allerdings in der hinteren Mitte geschlossen. Dabei werden unten 5 cm und an den Seiten je 1 cm eingeklappt.

 

 

 

Auch dieses Teil wird versäubert und zum Schluss auf den Ärmel aufgesetzt. Oben alles mit der Hand oder einem Zickzackstich zusammennähen. 

 



Damit ist die obere Hälfte des Ärmels fertig.  Nun kommen die Falten am Ellenbogen. Dazu haben wir 3 Streifen zugeschnitten, die 8 cm breit sind und die Länge der unteren Kante des Oberärmels haben. Der erste Streifen wird rechts auf rechts an den Oberärmel genäht.

 

 

Dann wird der nächste Streifen rechts auf rechts an die Unterkante des ersten Streifens angenäht und der erste Streifen nach oben umgebügelt, sodass eine ca. 2 cm breite Falte entsteht. An der Innenseite mit Überwendlingsstichen festnähen.

 

 

Genauso wird mit dem dritten Streifen verfahren. Es ergibt sich zum Schluss dieses Bild. 

 

 

Nun kommt der Unterärmel an die Reihe. Dafür haben wir einen 30 x 55 cm breiten Streifen zugeschnitten. Dieser soll im unteren Bereich gesmokt werden. Allerdings ist im Original nicht das klassische Smokmuster zu sehen, sondern ein Raffmuster - gewissermaßen die Rückseite der Smokung. Dazu werden auf der Rückseite Linien im Abstand von 1,5 cm aufgezeichnet, sodass dieses Raster entsteht. Dabei an den Rändern jeweils 4 cm freilassen.  

 

 

Nun werden jeweils 2 Punkte verbunden, wobei eine Linie übersprungen wird. Dann in die untere Reihe springen und die beiden anderen Linien verbinden. Dann wieder nach oben springen.  

 





Wenn alles gerafft ist, werden die Seiten bis zur Smokung mittels Kappnähten geschlossen. Dann kommt das Bündchen daran. Geschlossen wird mit Haken und Ösen.   

 

 

Nun erfolgt das Einsetzen der Ärmel, dabei ist zu beachten, dass die Schulternaht bei dem TV-Schnitt leicht nach hinten versetzt ist. Die höchste Stelle des Ärmels sitzt also nicht auf der Schulternaht, sondern auf der natürlichen Schulterhöhe.   

 

Der nächste Schritt ist das Verbinden des Futterteils mit dem Stoffteil. Dazu werden beide an der Ausschnittkante rechts auf rechts geheftet und vernäht. Beim Vernähen haben wir die Spitze wie eine Paspel mit eingefasst. Dann wird abgesteckt und die beiden hinteren Rückennähte ebenfalls rechts auf rechts vernäht. Dabei sollen sie ca. 2 cm überlappen können.  

 

 

 

Der nächste Schritt ist das Aufnähen vielen Knöpfe. Dazu werden 14 mm Wäscheknöpfe mit Filz beklebt und anschließend mit dem Stoff des Kleides bezogen. Insgesamt werden 106 Knöpfe benötigt. Wichtig ist es die Abstände gut abzumessen zu markieren, damit am Ende ein gleichmäßiges Bild entsteht.

 

 

Nachdem die Ärmelinnenseiten versäubert sind, ist das Kleid nun fertig. Wir haben passend zum Ensemble noch eine Schute hergestellt. Dazu haben wir wieder ein Schnittmuster von Lynn Mc Masters verwendet, dieses allerdings in allen Teilen verkleinert. Die Beschreibung der Herstellung einer Schute finden Sie im Kinderprojekt Empire ausführlich, sodass wir sie uns hier sparen.  

 

 

Biedermeierkleid 1839