Das Cranachprojekt - unser Beitrag zum Cranachjahr 2015

Die deutsche Renaissance beschäftigt uns ja schon viele Jahre. Besonders die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts und damit das Cranachkleid, das seinen Namen dem wohl berühmtesten Maler unserer Gegend zu verdanken hat. Auf den sehr zahlreichen Bildern Lucas Cranachs d.Ä. ist diese Art von Mode in vielfältigen Varianten zu sehen. Sibylle von Cleve, Katharina von Mecklenburg, Elisabeth von Rochlitz sind nur einige Beispiele für Damen, die in diesen Gewändern abgebildet sind. Aber auch auf vielen religiösen Motiven taucht diese Mode auf. Dort ist es natürlich besonders interessant, wenn die Damen sich entblättern und so den Blick auf das freigeben, was kleidungstechnisch darunter liegt. Fürstinnen tun dies ja in der Regel auf Gemälden eher nicht. Allerdings sind Gemälde immer mit Vorsicht zu genießen, wenn es um eine authentische Bewertung der Garderobe geht. Auch in der frühen Neuzeit wurde auf Bildern schon geschummelt und geschönt. Wir haben trotzdem versucht, der Anatomie des Cranachkleides näherzukommen.  

 

Die theoretischen Grundlagen dazu finden Sie im Bereich Renaissance Frauen

 

Es sollen insgesamt 3 Kleider entstehen. Zuerst das Cranachkleid der Grauen Dame aus dem 1. Teil von "Harry Potter". Dieses Kleid hat es uns schon lange angetan und es eignet sich ja wunderbar als Probeteil für das historische Kleid. Wir werden es allerdings nicht 1:1 übernehmen, sondern eine eigene Version erstellen.  

 

Als zweites wird es wieder eine Miniversion geben, da unser jüngstes Familienmitglied dem anderen Kleid bereits entwachsen ist und ein neues braucht.  

 

Danach wird ein neues historisch weitestgehend korrektes Kleid aus Samt mit den unvermeidlichen Goldstickereien entstehen. Damit werden wir allerdings erst beginnen, wenn die Stickereien der Francaise abgeschlossen sind, was vermutlich nicht von März/April der Fall sein wird.

 

1. Das Kleid der Grauen Dame - Helenas Kleid 

 

Als Schnittmuster verwenden wir Period Patterns Nr. 46.  Dieses enthält verschiedene Varianten des Cranachkleides. Wir werden das Kleid ohne Stehkragen machen, so wie es Helena Ravenclaw trägt.  

 

Stoffe:  

6 m grauer Baumwollflanell

6 m grauer Feintüll

2 m Baumwollsamt

2,5 m Voile für die Chemise

1,5 m Leinen als Futter und Einlage 

 

 

Die Chemise

 

Das Schnittmuster für die Chemise haben wir nach dem Tudor Tailor erstellt. Dazu schneiden wir zuerst das Vorder- und Rückenteil aus einem Stück zu. Die Maße sind im Schulterbereich 46 cm und am Saum 70 cm. Länge 90 cm. Oben wird ein Halsausschnitt von ca. 20 cm Weite und ein Schlitz von ca. 20 cm Länge eingearbeitet. Für die Ärmel haben wir oben 90 cm und unten 60 cm, auch hier beträgt die Länge 90 cm, da sich die Ärmel ja in den Ärmeln des Kleides bauschen sollen.  

 

 

Die Seitennähte werden mittels Kappnähten geschlossen.  Dabei oben ca. 35 cm offenlassen. An den Ärmeln ca. 8 cm. Nun werden die Ärmel mittels Kappnähten mit dem Oberteil verbunden, wobei nur 27 cm von der Schulter an eingefasst werden. 8 cm bleiben offen. Dann werden 12  x 12 cm große Quadrate zugeschnitten und diese auf das nun entstandene offene Viereck gesetzt. Wir doppeln diese, sodass von beiden Seiten versäubert ist. 

 

 

Danach wird der Halsausschnitt schräg umgeschlagen und versaäubert. Er soll ja später nicht schließen sondern offenstehen. 

 

 

Nun wird ein kleiner Stehkragen angesetzt und die Ärmel unten eingereiht und mit Bündchen versäubert. Auf Helenas Kleid sind Borten zu sehen. Das Originalfoto zeigt einfache Borten, im Film kommen diese aber eher ausgefranst rüber. Wir wollen uns von der Optik her dem Film nähern. Daher haben wir unter die Borten jeweils angeriehene Flanellstreifen gesetzt.  

 

 

Das Kleid

 

Das Kleid wird wie oben erwähnt nach dem Schnitt von Period Patterns erstellt. Wir verwenden View II, wandeln diesen allerdings ab. Bei Period Patterns wird davon ausgegangen, dass das Brustband an einer Seite des Mieders befestigt ist und der Rock vorn zusammen mit dem Mieder geöffnet wird. Für diese Version werden wir das auch so machen. Auf diesem Bild von Lucas Cranach könnte diese Variante dargestellt sein:

 

 

 

 

Der Schnitt von Period Patterns hat nach unserem Empfinden eine gute Passform. Das Brustband haben wir allerdings verändert, da der Samtanteil im View II nur sehr schmal ist. Helena trägt ja ein eher breit aufgesetztes Samtteil. Entgegen den Anweisungen im Schnitt haben wir auch eine Einlage eingearbeitet. Der Flanell ist doch sehr weich und würde keine Form ergeben. Wir haben Einlage und Oberstoff als eine Lage gearbeitet und das Futter separat. Das Brustband wird ebenfalls mit einer Einlage versehen und das Samtband aufgesetzt, dann wird es an die linke Seite des Oberteil genäht.  

 

Oberteil vernähen

 

 

 

Der Rock besteht aus 2 Bahnen, die wir einmal aus Flanell und ein weiteres mal aus Feintüll zugeschnitten haben. Diese beiden Lagen wurden wie eine Lage zusammen verarbeitet.  

   

Nachdem die Seitennähte vollständig geschlossen wurden - es wird oben kein Schlitz gelassen, da die Öffnung nicht mittig ist - werden die beiden oberen Samtstreifen aufgesetzt. Wir haben uns bei den Maßen am Originalkleid orientiert. Der erste Streifen beginnt 35 cm von der Bundnaht und ist ca. 6,5 cm breit.  Der zweite hat einen Abstand von 20 cm zum ersten und ist 12 cm breit.  

 

Der Rock wird in Rollfalten an das Oberteil gesetzt. An der Stelle, an der das Oberteil die Öffnung hat, wird der Rock ca. 15 cm geschlitzt und versäubert. Die Rollfalte wird so gesetzt, dass sie diese Stelle verdeckt.  

 

 

Nach unserem Empfinden ist die Rockweite des Schnittes ein wenig zu knapp gehalten. Für Rollfalten wird doch etwas mehr Weite benötigt. Wir konnten daher leider nicht so dichte Falten legen, wie wir es gern wollten.  

 

 

Der nächste Schritt sind die Ärmel. Dazu nehmen wir das Schnittteil und schneiden es an den Stellen auseinander, an denen die Schlitze sein sollen. Beim Auflegen auf den Stoff werden nun diese Teile entsprechend auseinandergerückt. Wir schneiden wieder Flanell und Tüll gleichzeitig zu. 

 

 

Dann werden die Schlitze mit einem Nahttrenner angebracht. Es wird nicht versäubert, da das Kleid ja etwas mitgenommen aussehen soll. 

 

 

Dann werden die Ärmel eingesetzt.  

 

 

Nun wird das Brustband mit Aufbügelmotiv, Steinen und Perlen verziert.

 

 

Der untere Saum wird mit Blüten verziert, die wir aus einer Lage Silbersatin, einer Lage Feintüll, sowie Fild zun Cabochons gefertigt haben. Dann wird dieser aufgenäht und versäubert.  

 

 

 

Was nun folgt, ist eher nichts für diejenigen, die Feen und Einhörner lieber mögen als Drachen und Dämonen. Dei Graue Dame ist ja vor über 500 Jahren erstochen worden. Natürlich geht so etwas nicht spurlos an der Garderobe vorüber. Zuerst haben wir daher den Samt "altern" lassen. Dazu wird er kräftig mit grobem Sandpapier an den Stellen bearbeitet, die auch bei einem normalen Kleidungsstück abgenutzt ausssehen würden. Außerdem haben wir den Tüll, der die Oberschicht bildet, aufgerissen und teilweise Tüllfetzen eingesetzt.

 

Altern von Samt

 

Komplettiert wird durch einen kleinen Schleier.

 

 

Die Graue Dame


1  

2. Das Minicranachkleid in Größe 128

 

Für dieses Kleid haben wir das Schnittmuster selbst entworfen, da es für Kinder keine derartigen Schnitte gibt.

 

Die Chemise besteht wieder aus 4 Rechtecken. Dabei werden die Ärmel recht weit und mindestens 15 cm länger geschnitten als die Armlänge, damit sie später herausgezupft werden können.  

 

Der Rock besteht aus einer geraden Bahn blauem Samt von 75 cm x 220 cm. Darauf wurden 3 Streifen Seidenjaquard aufgenäht. Die Breite der Streifen beträgt 5,5 cm; 9 cm sowie 16 cm.  

 

Das Oberteil ist ebenfalls aus Samt zugeschnitten und mit Leinen gefüttert.

 

Schnittmuster Minicranachkleid

 

Beide Teile werden an den Seiten und Schultern vernäht. Nun wird der Rock in Rollfalten an das Samtoberteil genäht. Dabei wird die Öffnung des Rocks an die Stelle gesetzt, die später im Frontteil geöffnet sein soll. Sie wird unter einer Falte versteckt.  

 

 

Danach wird auf einer Seite das Brustteil (17 x 15 cm) mit dem Futter eingefasst. Auf der anderen Seite und an den Armausschnitten wird versäubert. 

 

 

Geschlossen wird das Frontteil mit Haken und Ösen. Zum Schnüren werden Goldösen auf beiden Seiten auf den Samt genäht.  

 

Brustfleck Cranachkleid

 

Nun kommen die Ärmel. Dazu wird der Ärmel aus Samt zuschnitten und dann jeweils 5 cm über und unter dem Ellbogen auseinandergeschnitten. Danach werden Längsschlitze eingearbeitet und von Hand versäubert. Die Mittelteile bleiben ungefüttert. Wir haben zur Versäuberung an die Mittelteile noch die Reste des Jaquardstoffes angesetzt. Dann werden die Ober- und Unterteile gefüttert und so versäubert. Zum Schluss haben wir die Teile mittels Goldkordel verbunden und an das Miederteil angesetzt. Zur Zierde kommen nun noch Perlen hinzu. 

 

Ärmel Cranachkleid